Steuercampus München: Entscheidung für Ortbeton
Abb. 1: Westag & Getalit AG
Abb. 2: Westag & Getalit AG
Abb. 3: Westag & Getalit AG
Abb. 4: Westag & Getalit AG
Abb. 1: Westag & Getalit AG
Abb. 2: Westag & Getalit AG
Abb. 3: Westag & Getalit AG
Abb. 4: Westag & Getalit AGBetonfertigteile oder Ortbeton? Diese zentrale Frage beschäftigte Bauherrn, Planer und Bauausführende, als es um den ersten Neubau innerhalb des Steuercampus München ging. Wegen der anspruchsvollen Kubatur und weil Nachhaltigkeit sowie eine durchgängig einheitliche Optik der Wand- und Deckenbereiche gefordert waren, entschied man sich, den Massivbau fast vollständig in Ortbeton ausführen zu lassen. Gemeinsam bildeten Architekten, Tragwerksplaner, Bauausführende, Schalungssystem- und Schalhauthersteller sowie der Betonlieferant ein Sichtbetonteam. Die definierten hohen Sichtbetonanforderungen konnte Grossmann Bau als bauausführendes Unternehmen mit kompromissloser Qualitätskontrolle und aufgrund umfangreicher Erfahrungen auf dem Gebiet des hochwertigen Sichtbetons souverän erfüllen.
Alte Bausubstanz wird sukzessive zurückgebaut
Als erster Bauabschnitt entsteht in der Deroystrasse auf einer bisher als Behördenparkplatz genutzten Fläche ein Neubau. Er misst 74,25 m in der Länge und 49,25 m in der Breite. Die in unmittelbarer Nachbarschaft stehenden fünf Bauten der Münchener Finanzverwaltung stammen großenteils aus den 60er Jähren und sind sanierungsbedürftig. Das Konzept „Steuercampus München“ sieht vor, sie im Laufe der kommenden Jahre sukzessiv zurückzubauen und durch Neubauten zu ersetzten. Jeder folgende Bauabschnitt ist noch zu genehmigen.
Den gesamtplanerischen Entwurf zur baulichen Konzentration der Steuerverwaltung auf dem Innenstadtareal zwischen Mars-, Deroy- und Arnulfstraße gewann das Büro Bär, Stadelmann, Stöcker Architekten, Nürnberg. Die Steuerverwaltung München ist zuständig für eine der wirtschaftsstärksten Regionen in Europa mit über 1,8 Millionen Einwohnern. Baubeginn war im Herbst 2015. Eine 120 cm starke Bodenplatte, errichtet auf 2-lagiger Gleitfolie und geglätteter Sauberkeitsschicht, bildet das Fundament. Der Tiefgaragenbereich wurde komplett in WU-Beton ausgeführt.
Auf die geeignete Schalhaut kam es an
Dipl.-Ing. Alfred Floßmann, Staatliches Bauamt München 1: „Errichtet wird darauf ein achtgeschossiges Gebäude mit zwei Unter- und sechs Obergeschossen plus Techniketage. Erschlossen wird es über ein großzügiges Foyer mit Haupttreppe. Besonderes Augenmerk liegt auf den Sichtbetonbereichen in der Eingangshalle, den Fluren, Treppenhäusern und Lounges. Deren Oberflächen müssen ein einheitliches Erscheinungsbild ergeben. Das war die große Herausforderung, denn die Betonarbeiten liefen durch alle Jahreszeiten. Die geeignete Schalhaut spielte dabei in der betontechnischen Umsetzung eine maßgebliche Rolle“ 18.600 m³ Transportbeton sind für Bodenplatte, Wände, Decken und Stützen erforderlich. Die Einbringung des Baustoffs für Bodenplatte und Decken erfolgte größtenteils durch mobile Betonpumpen, bei Wänden Stützen und Unterzügen waren es Baukran und Betonkübel. 11.000 m² Sichtbetonflächen waren herzustellen.
Das Tragwerkskonzept des Planungsgesellschaft Dittrich mbH beinhaltet massive, tragende Flur- und Kernwände in Sichtbeton, bei denen jeweils die Arbeitsfugen in der Mitte oberhalb der Türen vorgesehen sind und auch seitens der Architektur nur dort zugelassen wurden - also keine stumpfen Arbeitsfugen um die Ecken.
Kombination verschiedener Schalhauttypen
Mit mehreren Schalhauttypen unterschiedlicher Hersteller und unterschiedlicher Betonrezepturen wurden zuerst Musterplatten und im Anschluss daran eine großfläche Musterwand erstellt. Die Entscheidung fiel auch aufgrund des Anratens der Baufirma zugunsten der Melaminharz-Oberfläche. Bei ihr bestand, wenn es um sehr helle bis weisse Oberflächen ging, die geringste Gefahr von Verfärbungen durch Schalhauteinflüsse.
Michael Hörmann von der Westag & Getalit AG betreute im Vorfeld die Baustelle und brachte eine Kombination mehrerer Schalhauttypen in die Planung: „Ausgangspunkt war die Überlegung, dass diese Baustelle über verschiedene Jahreszeiten laufen würde und hohe Sichtbetonanforderungen möglicherweise nicht immer zielsicher zu erreichen waren. Es galt also, die Wechselwirkungen beim Betoneinbau zu kennen und entsprechend vorzuplanen. Aber auch wirtschaftliche Überlegungen spielten eine Rolle. Als entscheidendes Kriterium erwies sich die Oberflächenbeschichtung der Schalhaut. Hier werden die Weichen für ein gutes Betonbild gestellt“.
Aber auch auf durchdachte Maßnahmen während und nach dem Betonieren kam es an, ergänzt Dipl.-Ing. Stefan Wallner, Bauleiter Grossmann Bau. „In jeder Phase, vom Erstellen der Schalung über den fachgerechten Einbau und das richtige Verdichten des abgestimmten Betons bis zum Ausschalen zum optimalen Zeitpunkt weiß unsere erfahrene Baustellenmannschaft, was zu tun ist. Wir gehen kein Risiko ein und schützen die kritischen Sichtbetonflächen der Wände systematisch mit einer stabilen, folienbelegten Holzkonstruktion. Sie ist im geringen Abstand zur Wand montiert, berührt aber die Flächen nicht und lässt dem noch jungen Beton Luft zum Atmen“.
Doka Schalungstechnik, Niederlassung München, konfektionierte die Holz-Trägerschalung mit vorgegebenen Riegellagen und abgestimmtem Spannstellen- und Schalhautraster. Als Schalhaut komplett unsichtbar von hinten verschraubt, war bei mehrfacher Nutzung überwiegend der Plattentyp Betoplan Top MF im Einsatz, in den Deckenbereich die Magnoplan MF und außerdem die Magnoply MF. In Summe, so Stefan Wallner, seien zirka 100 größtenteils verschiedene Schalungs-Elemente mit Auf- und Abstockungen eingesetzt worden. Mit Kran-Traversen wurden die bis zu 6 m langen Elementverbände umgesetzt.
Konsequente Aushärtung gut für Kantenbereiche
Die Besonderheiten beim Einbau auf dieser Baustelle: Teilweise schwierige Geometrien mit Sturz und Wänden in einem Betonierabschnitt in den Lounges, horizontale Betonierfugen in den Treppenhäusern, jeweils nur an der Unterkante der Decken. Bei niedrigen Temperaturen wurde der frisch eingebaute Beton von der Baustelle sofort mitsamt der Schalung komplett abgedeckt und durch gezielte Beheizung auf optimale Abbinde-Temperatur gehalten. Die konsequente Aushärtung kam den Kantenbereichen zugute, ergänzt er. Eingesetzte Betonklassen waren C 25/30 bis C 35/45, vornehmlich aber C30/37.
Um speziell für den verschnittintensiven Deckeneinsatz eine kostengünstigere Schaltafel mit verbesserten Produkteigenschaften zu bieten, entwickelten die Westag & Getalit den Typ Magnoplan weiter. Die als hochwertige Tischlerplatte bekannte Großflächenschaltafel erhielt ein Melamin-Beschichtungskonzept zur Verbesserung der mechanischen Eigenschaften der Oberfläche. Reduzierte Feuchteaufnahme, erhöhte Lichtbeständigkeit und höhere Standzeiten sind das Resultat. Auch der Plattentyp Magnoply wurde den Marktanforderungen angepasst. Hörmann: „Diesen Spanträger mit Furnierlage bieten wir ebenfalls Melamin-beschichtet an. Er liefert ebenso gute Ergebnisse und ist bei geringen oder einmaligem Einsatz eine wirtschaftliche Alternative“. In den Wandbereichen kam die Furnierplatte Betoplan Top MF etwa acht bis zehn Mal zum Einsatz, die Stäbchen-Schalhaut Magnoply MF dort zwei bis drei Mal und der Plattentyp Magnoply MF ein Mal und wurde anschließend für Aussparungen eingesetzt, ergänzt Michael Hörmann.
Passivhausstandard plus individuelle Fassade
Beim Besuch der Baustelle im Januar war der Rohbau bis zum 4. OG fertiggestellt und das Betonresümee von Bauherrn und Bauausführenden lautete, dass nahezu eine SB 4-Qualität erreicht werden konnte.
Das architektonische i-Tüpfelchen bildet nach Fertigstellung im Sommer 2018 die Fassade: Im Wasserstrich-Verfahren hergestellte Klinker, wo jeder Stein eine einzigartige Optik hat. Alfred Floßmann: „Und Klinker passen perfekt zu dem Haus, das hier in Bayern als eines der ersten dieser Größenordnung im Passivhausstandard errichtet wird“.
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie im Internet unter www.westag-getalit.com und https://www.stbam1.bayern.de/hochbau/projekte/B13H.E0650600.71.html.
Bilder
Abb. 1: Sauberes Schalbild
Abb. 2: Doka Trägerschalung…
Abb. 3: …und Westag-Schalhaut im Einsatz
Abb. 4: Vorbildlicher Sichtbetonschutz
Bildnachweise: Westag & Getalit AG