westag_pfeil
Deutsch

Interview mit Barbara Busse 

Wie gelingt es dir, in einer Welt voller kurzfristiger Trends langfristige Entwicklungen in den Bereichen Design, Lifestyle und Interior zu identifizieren?


Genau, langfristige Veränderungen übersieht man schnell, wenn die punktuelle Omnipräsenz kurzfristiger Trends viel Raum einnimmt. Langfristige Entwicklungen sind nicht immer neue Themen. Wer zu schnell denkt: „Das kenne ich schon, also kann das kein neuer Trend sein“, der irrt. Langfristige Entwicklungen spiegeln tiefgreifende Consumer-Trends wider – ein Punkt, an dem wir mit unserer Arbeit starten. Es geht dabei um Gemütszustände, Bedürfnisse und große Zusammenhänge, nicht um eine einzelne Farbe. Die Abkehr vom „Künstlichen und Industriellen“ hin zum „Natürlichen“ zeigte sich in den letzten Jahren z. B. im stetigen Rückgang von cleanem Weiß und dem Zuwachs von warmen Weiß- und Beigetönen sowie der Verschiebung von Schwarz zu Grau. Wir sehen solche Veränderungen mit etwa fünf Jahren Vorlauf – ein guter Horizont für Material- und

Welcher aktuelle oder kommende Trend begeistert dich persönlich am meisten – und warum freust du dich besonders auf dessen Entwicklung?


Mich begeistert der Retro-Futurismus mit seiner 80er-Jahre-Nostalgie – eine Synthese aus den Achtzigern und Science-Fiction. Als Kind dieser Zeit trösten mich die damaligen Farben und Formen. Sie stammen aus einer Phase, in der wir GenX sehr frei aufgewachsen sind – zwischen BMX-Rädern und Kaugummiautomaten. Außerdem befeuert das Wiederaufleben alter Farben, Marken und Formen den Handel mit gebrauchten Möbeln. Das hilft der Umwelt und spiegelt die wachsende Sinnökonomie wider.

 

„Wir unterschätzen, wie wichtig unsere haptische Sensorik im Alltag ist und wie wenig dieses Bedürfnis bisher bedient wird.“

-Barbara Busse

Das Thema Haptik ist seit Jahren ein wichtiger Faktor in der Möbelbranche. Wie bewertest du den Trend zu tieferen, markanteren Oberflächenstrukturen – und welche Rolle wird die taktile Erfahrung künftig für die Wahrnehmung von Hochwertigkeit spielen?


Die Küchen- und Einrichtungsbranche hat ein Perfektionslevel bei Oberflächen erreicht, das kaum zu toppen ist. Matt ist längst zur neuen Normalität geworden – vom Kochfeld bis hin zu allen Qualitätssegmenten und Märkten. Gespräche mit anderen Expertinnen und Experten sowie aktuelle Studien aus 2025 deuten darauf hin, dass haptische Oberflächenerlebnisse wieder als Premiummerkmal gefragt sind. Wir unterschätzen, wie wichtig unsere haptische Sensorik im Alltag ist und wie wenig dieses Bedürfnis bisher bedient wird. Deshalb: Ja, taktile Erfahrungen werden künftig noch wichtiger, und hypertaktile Oberflächen werden auf dem Markt zunehmend eine Rolle spielen.

 

„Taktile Erlebnisse gewinnen zunehmend an Bedeutung – und ich bin überzeugt, dass hypertaktile Oberflächen die nächste Entwicklungsstufe darstellen werden.“

-Barbara Busse

Mit Tuet haben wir in der Feelings-Kollektion eine besonders tiefe Oberflächenstruktur. Würdest du sagen, dass diese Art von Struktur den aktuellen Trend zu markanten, haptischen Oberflächen widerspiegelt?


Auf jeden Fall. Aus meiner Sicht ist das ein wichtiger Schritt. Mit Tuet setzt Westag ein echtes Zeichen für den Trend zu markanten, haptischen Oberflächen. Genau hier liegt die Stärke: Die besonders tiefe Oberflächenstruktur schafft eine intensive, taktile Erfahrung, die heute gefragter ist denn je. Taktile Erlebnisse gewinnen zunehmend an Bedeutung – und ich bin überzeugt, dass hypertaktile Oberflächen die nächste Entwicklungsstufe darstellen werden.

Seit 2023 heißt unser hochwertigstes Sortiment Feelings, bei dem Haptik zentral ist – ein Zeichen für Qualität und Langlebigkeit. Entspricht das deiner Einschätzung, was Kunden heute und künftig von Möbeln erwarten?


„Die Kunden“ als eine homogene Gruppe wird es zukünftig nicht mehr geben. Schon jetzt sind die Unterschiede zwischen den Generationen gigantisch. Während die kaufkräftigen Boomer traditionelle Werte und Vertriebswege schätzen und Qualität als Haltbarkeits- und Lebensdauerversprechen verstehen, bedeutet Qualität für die Generation Z auch das, was man nicht sieht: faire Produktion mit Rohstoffen aus zertifizierter nachhaltiger Forstwirtschaft, Schadstofffreiheit und Langlebigkeit zur Schonung der Ressourcen. Tatsächlich investieren junge Menschen in Produkte, die sie als Investment sehen und deren Wiederverkaufswert sie im Blick haben. Die sogenannte „Asset-Based Consumption“ lässt sie darüber nachdenken, ob ihr Möbelstück der Sperrmüll von morgen wird – oder ob es dauerhaft sinnvoll, flexibel nutzbar und zum Weiterverkauf geeignet ist. Sie verstehen, dass ihre Lebensgrundlage gefährdet ist, und möchten im Sinne der notwendigen „Deconsumption“ weniger kaufen, dafür aber besser. Für die Küche bedeutet das: mehr Module statt fester Einbauten.

Welche Rolle spielt die Individualisierung von Möbeln und Oberflächen in den kommenden Jahren? Wird der Wunsch nach Einzigartigkeit weiter zunehmen?


Definitiv ja. Individualisierung ist eine der am schnellsten voranschreitenden Veränderungen im Markt, befeuert durch Direktvermarktung und Social Media. Was die Oberflächen betrifft, heißt das nicht, dass jede Kundin und jeder Kunde für jeden Möbelkauf einen exakten Farbwert vorgeben möchte. Bei Abmessungen und Funktionen hingegen wird Individualisierung immer wichtiger – gerade bei abnehmendem Wohnraum pro Kopf und der zunehmenden Verbreitung günstiger Produkte aus China. So lassen sich die eigenen Räume sinnvoll und effizient nutzen.

Gibt es einen Trend, den du als „Gamechanger“ für die Möbelbranche siehst – etwas, das die Regeln komplett neu definiert?


Zwei Dinge werden entscheidend: Erstens: Es wird zunehmend KI-Systeme geben, die für die Kundinnen und Kunden von morgen viele Aufgaben übernehmen. Dazu gehört beispielsweise das Abgleichen von Farbwerten in einem Projekt, die Preisermittlung, die Bedarfsplanung oder das Aufzeigen von Varianten. Für Innenarchitekt und private Bauherren wird KI hier viel leisten – von der Visualisierung bis zum Sourcing. Gleiches gilt für Kubaturen und individuelle konstruktive Lösungen. Das Smartphone scannt den Wohnraum – und die KI plant. Wir sprechen dabei von Funktionen, die bereits in heutigen iPhones existieren, und den Möglichkeiten heutiger KI-Assistenten, die bislang vor allem von Early Adopters genutzt werden, bald aber den Massenmarkt erreichen. Zweitens: Die durchgängige Verfügbarkeit von Nachhaltigkeitsinformationen in diesen Systemen. Da die KI eine Vorabauswahl trifft, können nachhaltige Kund oder Nutzer, die Vorgaben in Ausschreibungen berücksichtigen müssen, künftig einfach sicherstellen, dass gewünschte Standards eingehalten werden. Auch Privatpersonen können mit KI erreichen, dass ihre persönlichen Nachhaltigkeitsstandards erfüllt werden. Anbieter und Zulieferer, die hier keine Schnittstellen und transparenten Informationen bereitstellen, werden durchs Raster fallen. Sie haben also zukünftig eine Bringschuld, ihre Zirkularität und Emissionsfreiheit zu kommunizieren, um im Markt zu bestehen.

Barbara Busse ist international tätige Design- und Innovationsexpertin mit Produktdesign- Background und Erfahrung aus Projekten für große Marken. Im Interview erfährst du, wie sie mit ihrer Trend- und Innovationsagentur FUTURE+YOU Design- und Consumertrends analysiert und daraus klare, zukunftssichere Produkt- und Innovationsstrategien entwickelt.

Wer den Blickwinkel von Praktikern noch näher kennenlernen möchte, kann das Interview ‚Tischler zu Tischler‘ hier lesen.